Wenn Gewalt System hat – von Männlichkeit, Macht und einer misogynen Gesellschaft

Allein im ersten Halbjahr 2026 wurden in der Schweiz 17 Frauen von einem Mann ermordet (vgl. «offensiv_gegen_Femizide»). Patriarchale Gewalt ist real, und doch scheint das bürgerliche Parlament seine Augen davor zu verschliessen. Im Folgenden zeigen wir auf, wie die JUSO Stadt Bern gegen patriarchale Gewalt in der Schweiz vorgehen will.

Der Fall Patrick Frei – patriarchale Gewalt und Behördenversagen

Der ehemalige Aargauer SVP-Grossrat Patrick Frei betäubte und missbrauchte mutmasslich ein 14-jähriges Mädchen über 40-mal, filmte seine Taten mit dem eigenen Handy und setzte sie so stark unter Drogen, dass sie kurz vor dem Erstickungstod stand. Ihre Mutter, Freis damalige Partnerin, sowie seine Ex-Frau, die er während 13 Jahren 140-mal missbraucht haben soll, sind weitere Opfer seiner Sexualstraftaten. Seit 2023 sitzt Frei in Untersuchungshaft, doch Unterstützung für Mutter und Tochter bleibt aus: man verweigerte ihnen nicht nur die volle Sozialhilfe, sondern drohte ihnen sogar mit der Abschiebung. 

Die Taten von Frei schockieren aktuell das gesamte Land. Der Fall zeigt, wozu patriarchale Machtstrukturen führen können und wie Behörden Betroffene gar nicht oder nicht ausreichend schützen, was schwerwiegende Konsequenzen mit sich zieht. Dieser Fall darf nicht isoliert betrachtet werden. Sexualisierte Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum; sie ist die abscheuliche Spitze eines Eisbergs.

Der Eisberg – Sexualisierte Gewalt als Kontinuum 

Seit Jahrzehnten wird in der feministischen Forschung sexualisierte Gewalt als Kontinuum verstanden. Eine abwertende Bemerkung über den Körper einer Frau und eine Vergewaltigung sind in ihrer Tragweite nicht vergleichbar, aber das Wertekonstrukt, das ihnen zu Grunde liegt, ist dasselbe: das Patriarchat. Ein Gesellschaftssystem, das Männer in dem Glauben erzieht, Verfügungsmacht über Frauen, ihren Körper und ihre Selbstbestimmung beanspruchen zu dürfen. Die tief verankerte Misogynie in unserer Gesellschaft und eine patriarchale Erziehung, muss dabei als Nährboden aller Formen sexualisierter Gewalt anerkannt werden, wenn wir uns der nachhaltigen Bekämpfung dieser ernsthaft annehmen wollen (mehr dazu in “Jede_ Frau” von Agota Lavoyer – grosse Empfehlung!).

Doch wie misogyn ist die Schweizer Gesellschaft im Jahr 2026 noch? Und werden junge Generationen nicht immer progressiver?

Junge Männer in der Krise

«Es besorgt mich, dass richtige Männer immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.» Dieser Aussage stimmen laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der Universität Zürich unglaubliche 50.5 Prozent der Schweizer Männer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren zu. Insgesamt kommt die Studie zum Schluss, dass jeder Dritte junge Mann ein problematisches Männlichkeitsbild aufweist. Es ist also weder übertrieben noch voreilig, wenn wir den Schluss ziehen: Ja, wir haben ein Problem mit Männlichkeit und es ist gewaltig.

Das Jahresprojekt der JUSO Stadt Bern

Aus diesem Grund hat sich die JUSO Stadt Bern den antifeministischen Backlash und sexualisierte Gewalt als thematischen Schwerpunkt für das Jahr 2026 gesetzt. Mit einer neu gegründeten Projektgruppe will die JUSO dem Trend entgegenwirken. Als erste Aktion hat sie am Klimastreik im Mai mit einer Tombola Geld für die FLINTA-Notschlafstelle der Heilsarmee gesammelt. Mit einer Verdoppelung dieser Einnahmen durch die JUSO kamen insgesamt 500.- zusammen, die als Gutscheine direkt an die Bewohner*innen gespendet wurden. Zudem sind weitere Aktionen geplant: Workshops an Schulen, ein Bildungsevent im Rahmen der «16-Tage gegen Gewalt an Frauen» und Aufklärungsarbeit auf den sozialen Medien.

Sexualisierte Gewalt ist keine Randerscheinung. Wollen wir sie bekämpfen, müssen wir uns mit einer tief verankerten Gesellschaftsstruktur anlegen und mit vielem brechen, was uns einmal als «normal» beigebracht wurde. Für eine Gesellschaft, in der Selbstbestimmung und Sicherheit nicht nur leere Versprechen, sondern Realität sind: Die Revolution wird feministisch oder unbedeutend.

Ronja Vökt (sie) und David Rietzler (er) für den Vorstand der JUSO Stadt Bern

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